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12. August 2026

Der Riss

In dieser Woche bricht kein Werk oder Ereignis eine gängige Definition der Kunst auf eine Weise, die als Riss bezeichnet werden kann. Alle verzeichneten Ausstellungen und Projekte bewegen sich im Rahmen etablierter Gattungen und kunsthistorischer Traditionen.

Werke und Bewegungen

Afloat

Die Musikinstallation des Kollektivs Band of Weeds wird auf dem finnischen See Saimaa und an dessen Ufern aufgeführt. Das Werk basiert auf Aufnahmen von Stadtpflanzen. Die Klänge von Unterwasserpflanzen aus dem kristallklaren Seewasser, darunter Wasser-Lobelie (Lobelia dortmanna), See-Wasserhahnenfuß (Ranunculus peltatus) und Stacheliges Brachsenkraut (Isoëtes echinospora), bilden das akustische Fundament des Tonsignals. Auf diesem Hintergrund entfalten die städtischen Pflanzen, die eine persönliche Bedeutung für die beteiligten Künstler haben, ihre eigenen melodischen Muster im Vordergrund.

Kiney Waloboney

Diese audiovisuelle Installation des Alyakha Collective wird im Jogja National Museum in Yogyakarta gezeigt. Die Künstler nutzen traditionelle Materialien der Sentani-Kultur wie Sempe, ein Gefäß aus gebranntem Ton, sowie Hukulu, Khai und geflochtene Fischnetze. Visuell bestimmen diese haptischen Objekte den Raum, während die Klänge der Installation die kulturelle Nachhaltigkeit einer neuen papuanischen Generation verhandeln. Das Zusammenspiel aus physischen Kulturobjekten und Klanglandschaften thematisiert indigene Lebensrealitäten im heutigen Indonesien.

Little Castles and Other Songs

Hassan Khan präsentiert eine Live-Aufführung neuer Lieder im M7-Theater in Doha, Katar. Die Stücke werden auf einem eigens für diesen Zweck vom Computermusikdesigner Olivier Pasquet entwickelten Digitalsystem abgespielt. Der Klang ist elektronisch und transportiert die nervöse, unruhige Stimmung einer sich verändernden Gegenwart. Khan verzichtet auf klassische Songstrukturen und lässt stattdessen digitale Klangsynthesen und rhythmische Brüche sprechen.

The Disco of Roots: A Rhizomatic Collective

Die Künstlerin Jessica Soekidi zeigt im Rahmen des ARTJOG-Festivals eine rhizomatische Rauminstallation, also ein Kunstwerk, das sich wie ein offenes biologisches Wurzelgeflecht ohne Zentrum verzweigt. Als zentrales visuelles und konzeptionelles Material nutzt sie echte Knollen und Wurzeln, die wie ein lebendiges Archiv im Ausstellungsraum angeordnet sind. Die Arbeit wirkt organisch und feucht, da die Pflanzenteile im Raum verbleiben und sich im Laufe der Ausstellung verändern. Soekidi thematisiert damit Identität als ein flüssiges, unvorhersehbares Beziehungsgeflecht über geografische Grenzen hinweg.

Oh God, Teeth in the Dark!

Kofi Boamah zeigt in der Galerie Verena Kerfin in Berlin expressive Malerei, die innere Ängste und Aggressionen sichtbar macht. Seine Arbeiten auf Papier, Karton und bis zu zwei Meter großen Leinwänden entstehen aus Schichten von Ölfarbe, Acryl, Ölpastellen, Wachsmalkreiden und Tinte. Das visuelle Erscheinungsbild ist rau und unfertig, geprägt von dicken Übermalungen, herablaufenden Farbnasen, Kratzern und sichtbaren Korrekturen. Auf den Oberflächen dominieren weit aufgerissene Münder, spitze Zahnreihen, deformierte Augen und schemenhafte Silhouetten, die zugleich schreien, lachen und bedrohlich wirken.

Folk: Out of the Grave!

Die Akkordeon-Virtuosin Viivi Maria Saarenkylä und die PIIRAINEN-BLOM-COMPANY bringen eine zukunftsweisende Form der Weltmusik auf die Bühne der Burg Olavinlinna. Klanglich basiert das Stück auf einem Trio aus Akustikgitarre, Beatbox und Akkordeon, das die Wucht eines Kammerorchesters entfaltet. Der Sound verbindet traditionellen Runengesang, Wehklagen und Kantele-Zupftechniken mit den urbanen Rhythmen moderner Popkultur. Durch den Einsatz von Augmented-Reality- und Virtual-Reality-Technologien verschmelzen die Musiker und Tänzer visuell mit virtuellen Projektionen auf den historischen Steinmauern.

Don't you know Jake?

Diese Schau in der Galerie Verena Kerfin in Berlin bringt zeitgenössische Kriegsbilder in Dialog mit historischen Radierungen von Francisco de Goya. Gezeigt werden fotografische Werke, auf denen Soldaten der israelischen Armee (IDF) mit Kleidung, Spielzeug und persönlichen Gegenständen von geflohenen oder getöteten Palästinensern posieren. Diese Schau bedient sich dekolonialer Ästhetik, ein Verfahren, das etablierte westliche Repräsentationsansprüche und Machtstrukturen kritisch hinterfragt. Visuell wirken diese Bilder grotesk und anstößig, da sie die brutale Aneignung und Gewalt im Gazastreifen als theatralische Performance inszenieren.

Wer bezahlt

Rückzug der Bundeskulturpolitik aus der freien Szene

Die deutsche Kulturstaatsministerin Claudia Roth stellt trotz eines gestiegenen Kulturetats des Bundes die finanzielle Unterstützung für wichtige überregionale Strukturen ein. Betroffen von den Streichungen sind das Programm Verbindungen fördern, das Bündnis internationaler Produktionshäuser und das Tanznetzwerk explore dance. Der Kulturrat NRW und der Landesverband freie darstellende Künste Berlin kritisieren diesen Schritt als schweren Schlag für die freie Szene.

Finanzierung: Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien / Eigentum: Unabhängige Produktionshäuser und freie Spielstätten

Privatisierung der Alten Münze in Berlin

Die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM vermietet das historische Areal der Alten Münze für dreißig Jahre an die Spreewerkstätten GmbH. Die Koalition der Freien Szene und der Rat für die Künste verurteilen diesen Schritt scharf. Sie werfen den Regierungsfraktionen von CDU und SPD vor, einen gemeinwohlorientierten künstlerischen Raum privaten kommerziellen Interessen zu opfern.

Finanzierung: Spreewerkstätten GmbH / Eigentum: Berliner Immobilienmanagement GmbH

Chinesische Zensur bei thailändischer Kunstausstellung

Die Regierung der Volksrepublik China hat die Verantwortlichen einer Kunstausstellung in Bangkok gezwungen, mehrere Werke zu entfernen oder abzuändern. Die betroffene thailändische Schau zeigt explizit Arbeiten von im Exil lebenden Künstlern aus Xinjiang, Russland, Iran und Syrien. Diese direkte politische Einflussnahme führt zu a-legalen Praktiken, also Handlungen im grauen Bereich zwischen Legalität und Illegalität.

Finanzierung: Unabhängige thailändische Kulturträger / Eigentum: Ausstellungsort in Bangkok

Was zurückkommt

Die physische Malerei auf Leinwand galt im Zeitalter digitaler Kunst und virtueller Galerien bereits als veraltetes Medium. Nun kehrt sie mit großer Kraft in den globalen Primärmarkt zurück, da sich die technologische Umwelt radikal verändert hat. Generative künstliche Intelligenz, ein technologisches Verfahren zur automatischen Erstellung von Bildinhalten, kann heute in Sekundenschnelle makellose Bilder erzeugen. In dieser von digitaler Perfektion gesättigten Gegenwart wächst die Sehnsucht nach dem sichtbar Unvollkommenen. Eine rohe Pinselführung, verzerrte Proportionen und haptische Materialien wie mineralische Pigmente, Sand oder Textilfragmente werden zum neuen Qualitätsmerkmal. Sie beweisen dem Betrachter die physische Existenz der denkenden und riskierenden menschlichen Hand, die kein digitaler Apparat imitieren kann.

Nachzählen

Im Jahr 2016 erregte das Projekt The Next Rembrandt große Aufmerksamkeit und wurde als Vorbote einer Zukunft gefeiert, in der künstliche Intelligenz menschliche Maler überflüssig machen könnte. Die Software analysierte Datenbestände des Meisters und generierte ein täuschend echtes neues Gemälde ohne menschliches Zutun. Zehn Jahre später, im Jahr 2026, ist generative Bildsoftware zwar allgegenwärtig, doch die prophezeite Ersetzung der menschlichen Hand ist nicht eingetreten. Stattdessen nutzen Künstler die Algorithmen lediglich als Werkzeug für kompositorische Entwürfe, die sie danach mühsam von Hand auf physische Leinwände übertragen. Der Markt reagiert mit einer massiven Gegenbewegung, bei der der materielle Wert handgemachter Malerei und die sichtbare Pinselführung im Preis steigen, während reine KI-Bilder als visuelles Grundrauschen entwertet werden.

Die Brille

Ich verwende das Deutungsraster von Vilém Flusser über den Apparat und den Funktionär, weil die Beiträge dieser Woche die Reibung zwischen technologischen Systemen und menschlicher Selbstbehauptung verdeutlichen. In Hassan Khans Little Castles and Other Songs spielt der Künstler gegen die sterile Programmierlogik seines maßgeschneiderten Digitalsystems, um emotionale Erschütterungen hörbar zu machen. Auch die Maler, die generative Algorithmen lediglich als kompositorische Inspiration für physische Ölbilder nutzen, verweigern sich der Rolle des bloßen Funktionärs. Sie unterwerfen das digitale Bildprogramm ihrem eigenen handwerklichen Prozess und erzwingen eine unberechenbare materielle Transformation auf der Leinwand. Damit erweist sich die Kunst als subversiver Spielraum, der die geschlossenen Programme der Apparate aufbricht und neu codiert.

Mindmap

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Zensur und Protest
Fareed Armaly lehnt Käthe-Kollwitz-Preis ab

Fareed Armaly protestiert gegen Zensur pro-palästinensischer Stimmen in deutschen Institutionen.

Die Akademie der Künste in Berlin sagte den Preis daraufhin ab.

Zensur bei thailändischer Kunstausstellung

Die chinesische Botschaft erzwang die Entfernung politischer Kunstwerke.

Es ging um Tibet, Xinjiang und Hongkong.

Antidiskriminierungsklausel in Berlin ausgesetzt

Kultursenator Joe Chialo setzte die Klausel wegen mangelnder Rechtssicherheit aus.

Kulturverbände befürchteten einen Verstoß gegen die verfassungsrechtliche Kunstfreiheit.

Algorithmen und Kreation
The Next Biennial von UBERMORGEN

Leonardo Impett programmierte GPT-2 für die Erzeugung von Statements.

Joasia Krysa kritisiert das System als Repräsentation des Scheiterns.

Artificial Curator berechnet Ausstellungen

Tillmann Ohm nutzt ConceptNet Numberbatch zur semantischen Vektorberechnung.

Die Schau wurde im Leipziger Kunstraum halle 14 ausgestellt.

Queer Motto API verweigert Anfragen

Winnie Soon und Helen Pritchard entwickelten die API.

Das System verweigert Anfragen am feministischen Streiktag.

Crash Blossoms nutzt fehlerhafte Daten

Das neuronale Netz wird absichtlich mit eigenen Fehlern trainiert.

Diese Datenvergiftung eröffnet neue spekulative Räume.

Kulturfinanzierung im Rückzug
Rückzug aus der freien Szene

Kulturministerin Claudia Roth strich die Mittel für das Bündnis internationaler Produktionshäuser.

Die Etats wichtiger Kulturfonds wurden drastisch halbiert.

Privatisierung der Alten Münze

Die landeseigene BIM vermietet das Areal für dreißig Jahre an die Spreewerkstätten GmbH.

Die Koalition der Freien Szene kritisiert den Verlust gemeinwohlorientierter Räume.

Kürzung des National Endowment for Arts

Die US-Administration schlug die Eliminierung der NEA-Förderung vor.

Das Programm für unterversorgte Gemeinschaften wurde gestrichen.

Märkte und Materialität
Renaissance der physischen Malerei

Cornelia Es Said beschreibt die Sehnsucht nach menschlicher Imperfektion.

Raue Oberflächen und Sand dienen als materieller Widerstand gegen KI-Kunst.

Ökonomische Zwänge steuern Materialwahl

Schnelle Acrylfarben dominieren, um rasch auf Trends reagieren zu können.

Langsame Öltechnik wird als entschleunigtes Luxusgut positioniert.

Geopolitische Zölle erschweren Transport

Pauschale Importzölle unter Trump führen zu einer Regionalisierung der Märkte.

Leichte Papierarbeiten gewinnen gegenüber teuren Großformaten an Attraktivität.

Quellen (50)

  1. 2025 Art Basel Qatar unveils further details for its inaugural 2026 edition, including highl
  2. ARTJOG 2026 Celebrates Art Across Generations - NOW! Jakarta
  3. Amanda Carneiro and Raphael Fonseca announced as chief curators of the 37th Bienal de São Paulo - Biennial Foundation
  4. Art Exhibition Openings Around South Africa - Art.co.za
  5. At the Venice Biennale 2026, Florentina Holzinger transforms the Austrian Pavilion into something entirely alive. With SEAWORLD VENICE, performance becomes a living system, part underwater world, part industrial structure, part ritual space, where bodies, water, and technology collide. Blurring the lines between installation, choreography, and exhibition, the project unfolds over - Facebook
  6. Autotune Rebellion: A Rupturing Cypher on the Fringes of Lebanon's Music Scene
  7. CIRCA.art
  8. Centre for Contemporary Arts Tashkent: Inside the Art Centre That Could Redraw the Global Map - Lifereport
  9. Chale Wote 2026: Full programme, venues, access, costs and safety guide - Pulse Ghana
  10. Chemical Analysis and Conservation of Materials in Indian Musical Instruments - Sangeet Galaxy
  11. China forces Thai art show to remove, change works - BusinessWorld Online
  12. Collage, Lagos: A Participatory Exhibition by Ofem Ubi Opens This August
  13. Culture changes everything
  14. DATA browser 10 Curating Superintelligences: A Reader on AI and Future Curating Edited by Joasia Krysa and Magdalena Tyzlik-Carver - Open Humanities Press
  15. Die neue Architektur der Macht - Technologiekonzerne als Fallstudie über Wirksamkeit, Legitimität und demokratische Kontrolle - thomas lemcke
  16. Entertainment Law In A Nutshell Nutshell Series In
  17. Exhibitions Painting | Sculptures - artatberlin
  18. Fareed Armaly Rejects Käthe Kollwitz Prize Citing Censorship in Germany
  19. Freie Szene und Bundeskulturpolitik: Rückzug der Kulturstaatsministerin von freien Produktionshäusern - Kulturrat NRW
  20. From the evolution of modern art to future trends - Kunstplaza
  21. GEMA & Copyright - KiBeat - Blog Magazine
  22. Gig Guide: The Ultimate Camping Experience, Lu'Ah Live launches in Cape Town and The Modern Jazz Trio at Centre for Jazz and Popular Music - Mail & Guardian
  23. HUMAN AI ART AWARD 2026 // Eröffnung in 1 Woche Habt ihr es schon entdeckt? Vor dem Museum nimmt der HUMAN AI ART SPACE langsam Gestalt an – und in genau einer Woche eröffnen wir dort die neue Ausstellung von @christopherkulendranthomas! Am MITTWOCH, 24. JUNI, um 19 UHR wird der Künstler persönlich vor Ort
  24. Is Doha the Middle East's next art hub? City aims high with Art Basel Qatar, new museums
  25. Kunstmarkt 2026: Malerei im globalen Primärmarkt - krautART
  26. LAFT – Kulturpolitik aktuell und Archiv (Landesverband freie darstellende Künste Berlin e.V.)
  27. LI-MA - Living Media Art | Inside Transformation Digital Art 2026: Nestor Siré
  28. MAY 7–22, 2026 Presentation Abstracts - The Metropolitan Museum of Art
  29. MMP, FIMSAC 2026, Lee Foss in Bogotá - by Marco Pisciotti - Mapas Sonoros
  30. MoMAA African & Diaspora Art Market Outlook 2026
  31. Mongolia announces artists and curators for the Venice Biennale 2026
  32. New National Coalition Against Censorship guide advises artists on resisting suppression
  33. Psychedelic Summer 2026: The Festivals Every Mushroom Lover Should Know About
  34. RE |SHAPING POLICIES FOR CREATIVITY
  35. Restitution of looted art in international politics: Benin Bronzes as objects of stigma
  36. SPE WORKSHOP: Artificial Intelligence and Machine Learning in Polymer Informatics
  37. Space Claimed, Not Borrowed | UN•COLONIAL FILM FESTIVAL, Münster, August 2026
  38. TMoCA to hold exhibition by modern Iranian women artists - Tehran Times
  39. Tbilisi: An Electronic Underground Under Threat - The Cold Magazine
  40. The Kyiv Biennial 2026 | Contemporary Lynx - magazine on art & visual culture
  41. The Laws of Nature - Andrew Staniland
  42. The Ultimate Nyege Nyege 2026 Guide: Stays, Logistics, And Insider Tips - Bystays
  43. Ukrainians seeking cultural escape from war's brutality find comfort and resilience at Kyiv art fair - AP Newsroom
  44. Venice Biennale opening marked by protests - ArtReview
  45. What would you like to read? - Control Club – The Most Active Music Venue in Bucharest
  46. Why You Can't Miss Dak'Art 2026: Dakar Biennale Sets the Stage for Its Most Anticipated Edition Yet - Africans Column
  47. Yulia Svyrydenko: Government adopts measures to strengthen protection of cultural heritage during wartime | Cabinet of Ministers of Ukraine
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